Wenn ich hinfahre besteht zumindest die Chance das es klappt…
Der kalte Hamburger-Wind weht mir durchs Gesicht während ich auf meine Fahrrad Richtung Innenstadt fahre. Es ist 18:40 Uhr.
„Was ist das schlimmste, das passieren kann? …Das es nicht klappt und ich enttäuscht bin… Der Herr meinte noch, dass es super unwahrscheinlich ist, dass es klappt… Das kommt sehr selten vor. Aber wenn ich gar nicht rausgehe und ich mit meiner Anwesenheit die Möglichkeit eröffne, klappt es zu 100% nicht. Das ist dann sicher. So existiert zumindest eine Chance.“
Diese Gedanken laufen mir durch den Kopf, während ich auf dem Weg zur Hamburger Staatsoper bin.
Ein paar Stunden zuvor:
Gemütlich schlendere ich durch die Innenstadt von Hamburg. In seinem klassischen grau gehüllt fangen die Weihnachtlichter an zu leuchten. Die Atmosphäre strahlt etwas sehr besinnliches aus.
Eines der schönsten Gebäude ist die Hamburger Staatsoper direkt am Gänsemarkt. Mit seiner leuchtenden Glasfront wirkt es einladend und die Kunst sprüht aus ihr hervor.
Da zieht es mich zur Programmanzeige und erblicke: Der Nussknacker - Ballett von John Neumeier.
John Neumeier ist einer der Ballett Ikonen diese Zeit. Er hat seine Ballettschule in Hamburg und mein Herz schlägt sofort höher als ich den Titel lese.
Also gehe ich kurzerhand hinein um nach einen Ticket für die Vorstellung am Abend zu fragen.
Ausverkauft. Die nächsten Tage genauso.
So richtig akzeptieren will das ein Teil in mir nicht. Also hake ich nach: "Gibt es noch Karten? Kann ich sie irgendwo erwerben?“. Bestimmt 20 Minuten stehe ich dort und recherchiere im Internet und frage die Angestellten vor Ort.
Fazit: Da lässt sich nichts machen.
Ok. Eine Alternative? Ja da gäbe es ein Ticket für ein anderes Stück. Andere Inszenierung, andere Musik. Die Alternative begeistert mich nicht ansatzweise so sehr wie Der Nussknacker.
Somit ist die Alternative keine Option. Ich frage, ob es möglich sei wie vor großen Konzetren Tickets von Menschen zu bekommen. Jemand der nicht kommt. Der junge Angestellte ist zurückhaltend: „Das kommt sehr selten vor und gerade heute, wo viele Familien unterwegs sind, ist es sehr unwahrscheinlich.“
Na gut. Ich fahre nach Hause.
Mich lässt es nicht los. Ich schaue weiter nach Alternativen… Nichts.
Die Vorstellung beginnt um 19:00 Uhr. Um 18:30 entschließe ich kurzum: Einfach hinfahren und schauen was passiert. Ein Teil hat keine Lust sich der möglichen Enttäuschung zu stellen. „Bleib lieber zu Hause, dann kann nichts passieren.“ Richtig, dann passiert nichts, in beide Richtungen. Also packe ich meinen unsicheren Teil liebevoll an der Hand und akzeptiere, dass ich enttäuscht sein könnte.
Damit sitze ich auf dem Rad und bin nun guter Dinge. Die Möglichkeit, sei sie noch so gering zu haben, fühlt sich lebendiger an, als mir die Möglichkeit zu nehmen, in dem ich zu Hause bleiben.
Mal schauen was passiert.
Kurz vor der Abfahrt kleide ich mich und mache mich zurecht, als hätte ich bereits ein Ticket und würde natürlich hineingehen. Das war mir wichtig. Zumindest ich will bereit sein.
Dann geht es ganz schnell.
Gerade angekommen und noch mein Fahrradschloss abschließend, tritt bereits ein Mann auf mich zu. (Er war mir ebenfalls direkt aufgefallen) „Brauchen sie ein Ticket?“ Ich: „Ja.“ Mann: „Ja gut, dann kommen sie mit. Ich lasse sie rein.“ Es hat ca. 5 Sekunden gedauert, da hatte ich ein Ticket.
Der Preis ist zudem deutlich weniger als ich gedacht habe: 15€ Die Möglichkeit hatte ich im Internet nicht entdeckt.
Das Geld ist schnell überreicht und schon bin ich drin.
Lachend trete ich ein und finde mich auf meinen Platz im Rang 3, Loge 3, Reihe 1 Platz 2 ein. Es ist herrlich.
„So leicht kann es sein.“ denke ich noch und genieße 2,5h wunderschönes Orchester und Ballett. Umgeben von einem hinreißenden Mädchen, dass die ganze Zeit mit wippt und sich bewegt und in purer Freude ist.
So leicht kann es sein, wenn wir bereit sind, die eventuelle Enttäuschung zu akzeptieren und an zu nehmen. Wenn wir bereit sind loszugehen.
Denn wie im Kleinen, so im Großen. Dinge, die in dieser Form passieren, können überall so eintreten. Ob Business, Beziehung oder sonst welches Thema.
Es ist wichtig rauszutreten und unseren Part zu machen. Mich herzurichten (wenn das gewünscht ist), aufs Fahrrad zu steigen und hin zu fahren.
Präsent zu sein. Anwesend. Zu akzeptieren, dass es eine mögliche Downside gibt.
Wie sollte mir das Universum sonst die Karte überreichen?
Es ist alles da. Das Ticket wartet am Eingang auf dich.
Kennst du solche Momente in deinem Leben? Teile mit uns deine Erfahrungen, wenn du magst.
Alles Liebe
Antonia